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    Rede zur Ausstellungseröffnung:

    Meine sehr verehrten Damen und Herren,
    ich freue mich, daß Sie hier her und Zeit gefunden haben. Beides ist nicht selbstverständlich.
    Denn Raum und Zeit teilen wir uns, nicht nur untereinander, sondern auch noch mit unseren Erfindungen. In Anbetracht der Fülle dieser „extensions of men“, wie McLuhan es formulierte, bleibt für den Menschen wenig Platz. Wir haben zu tun mit dem Erfinden und vor allem Benutzen unserer Maschinen.
    Aber spätestens mit der Erfindung, die Sie gerade nutzen, die besser denken kann als wir, die Maschine, die uns das Benutzen aller anderen Maschinen abnimmt, möglicherweise sogar das Erfinden, spätestens mit dieser Erfindung fangen wir an, zu suchen, was übrig bleibt von und für uns.
    Und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist die Erfindung des elektronischen Gehirns Anstoß für seinen Erfinder, seine privilegierte Stellung gegenüber seinem Werk zu überprüfen. Zum anderen wird diese Maschine zur Suchmaschine.
    Überlegen wir doch zunächst einmal, welche Erfindungen wir uns eigentlich noch wünschen: Der Traum vom Fliegen ist soweit erfüllt. Wünschenswert wäre vielleicht noch, das Handy dabei nicht abschalten zu müssen. Wo liegen also die Probleme, die uns wirklich zu schaffen machen?
    Was ist mit der Problematik, Entscheidungen treffen zu können trotz der zunehmenden Komplexität in unserer modernen Gesellschaft und im Bewusstsein, dass alles immer auch anders sein könnte.
    Das, was uns nicht zur Zufriedenstellung gelingt, verlangt nach einer Erfindung. Werden unsere Rechenmaschinen zu unseren Entscheidungsfindern, zu den Suchmaschinen in den unüberschaubar vielen Möglichkeiten?
    Beispiel Intensivmedizin: Wann lebt ein Mensch, wann ist er tot, wann schaltet man die lebensverlängernden Maschinen ab? Kein Mensch möchte und kann diese Entscheidung tragen. Oder Gentechnik: Wann ist die Veränderung der genetischen Information Heilen, wann Zerstören?
    Wobei wir bei der Frage nach unserem Selbstverständnis angekommen wären. Was ist der Mensch? Was ist Subjekt, was Objekt?
    Unzählige Fragen, zu deren Beantwortung keiner mehr autorisiert ist. Was ist sinnvoll, was ist wertvoll, was ist die Wahrheit?
    Die Suchmaschinen für das world wide web lassen die Erfindung einer Suchmaschine für Antworten auf grundlegende Fragen vorstellbar werden. Sehen sie sich die Bilder dieser Ausstellung genau an. Hier wurde eine Maschine zweckentfremdet und trotzdem hat diese Suche nach Welt- und Menschenbild beachtenswerte Ergebnisse vorzuweisen. Die Maschine hat eine Auswahl getroffen aus Tausenden von Möglichkeiten und Prioritäten gesetzt in weniger als einer halben Sekunde.
    Hätte ich zu den Begriffen Wahrheit, Leben oder Freude Bilder zusammen stellen sollen, es wäre mir neben der mengenmäßigen und zeitlichen Überlegenheit der Suchmaschine vermutlich keine bessere Auswahl gelungen,  die jeweils so – teilweise erschreckend – trefflich widerspiegelnd ist.
    Wenn nun eine spezialisierte Maschine aus einem Internet schöpfen könnte, in dem sich sämtliches Abstraktes, alles Vorstellbare versammelt hat, könnte diese doch zu einer gewaltigen „Extension“ der menschlichen Entscheidungsfähigkeit werden, finden Sie nicht?
    Wir leben in der Moderne, zu deren wesentlichen Eigenschaften gehört, daß immer mehr Entscheidungen nicht mehr fremd-, sondern selbstbestimmt zu treffen sind. Das ist zwar irgendwie großartig, aber es überfordert uns in zunehmendem Maße. Was liegt näher, als eine Entscheidungsmaschine zu erfinden?
    Zahlreiche Maschinen nehmen dem Menschen bereits jetzt beispielsweise die Entscheidung ab, wann sie sich zuschalten und wann ab. Denken Sie allein an das allgegenwärtige Thermostat.
    Wie wäre es, wenn die bereits erwähnten lebensverlängernden Maschinen in der Intensivstation selbst wüssten, wann sie sich abschalten? Wir wehren uns gegen solche Gedanken.
    Eine zentrale Frage während des Seminars Cyberpunk, in dessen Rahmen diese Ausstellung entstand, war, ob VR und KI (virtuelle Realität und künstliche Intelligenz) unsere Realität und Intelligenz entmachten.
    Lassen Sie hier die Werke einer kleinen KI in dieser kleinen VR für sich sprechen: Die „Menschheit“, eine leere Sprechblase, das „Leben“, es sei ausgerechnet schön blöd, und erst das Bild der „Wahrheit“…
    Ich  wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.